Interview mit Rdiger Ltjen, Vorsitzender des Europischen Betriebsrats von EADS

"Bei EADS brauchen wir Planungssicherheit"

(20.11.2013) EADS steht vor groen Vernderungen: Die Sparten Verteidigung und Raumfahrt werden zusammengefasst. Rdiger Ltjen, Vorsitzender des Europischen Betriebsrats, ber die Chancen und Risiken fr den Konzern und warum es einen Aktionstag geben wird.

EADS steigerte seinen Umsatz in der ersten Jahreshlfte 2013 gegenber dem Vorjahreszeitraum um sechs Prozent. Trotzdem will Tom Enders den Konzern nicht einfach nur in Airbus umbenennen, sondern ihn grundlegend um- und neustrukturieren. Muss das sein?
Rdiger Ltjen: EADS ist seit seiner Grndung eine Erfolgsgeschichte, wir haben stetig Marktanteile hinzugewonnen und konnten die Beschftigtenzahlen ausbauen. Allerdings: In unserem Verteidigungsbereich sowie in der Raumfahrt haben sich in den vergangenen Jahren die Marktstrukturen gendert. Wir leben hier von ffentlichen Auftrgen. In Zeiten knapper Kassen steht immer weniger Budget fr diese Bereiche zur Verfgung. Von daher ist es richtig, dass sich das Management fragt, wie man sich zuknftig besser aufstellen kann.

Aus den jetzt vier EADS-Bereichen sollen fortan drei Sparten werden. Airbus Defence & Space wird Verteidigung und Raumfahrt umfassen. Ist das in sich stimmig?
Ltjen: Nun, auf den ersten Blick wirkt es zumindest so. Ganz genau lsst sich das noch nicht sagen, dazu wissen wir einfach noch zu wenig. Die Konzernfhrung wird uns bis Jahresende detailliert informieren, erst dann kann man wirklich beurteilen, wie griffig und durchdacht die Umstrukturierungen tatschlich sind. Durch eine Konzentration erfolgreich am Markt zu agieren, das ist jedenfalls das Ziel des Managements. Klar ist aber auch, dass Unternehmen nur erfolgreich sind, wenn die Beschftigten ein gutes soziales Umfeld vorfinden.

Trotz aller Umstrukturierungen: Bereits seit Jahren gibt es Rckgnge im Verteidigungsgeschft, neue Groauftrge werden auf absehbare Zeit nicht kommen. Zunehmend schwere Zeiten also fr Konzern und Belegschaft?
Ltjen: Es wird zumindest nicht einfacher. Die Beschftigten im Verteidigungsbereich bentigen Stabilitt und Planungssicherheit. Eine gute Organisation kann hier helfen. Viel wichtiger sind aber Auftrge fr die Verteidigungs- und Raumfahrtsparte. Ohne die wird es schwierig. Hier ist die Politik gefordert.

Schon nach den bisherigen Plnen soll Cassidian bis 2014 rund 570 Millionen Euro an jhrlichen Kosten einsparen. 850 Stellen sollen wegfallen. Drohen mit der Neustrukturierung nun weitere Krzungen?
Ltjen: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Die Geschftsfhrung hat uns ber konkrete Manahmen und darber, was diese fr die Beschftigten bedeuten, noch nicht informiert.

Du hast gesagt, dass Du bisher noch keine Restrukturierung gesehen hast, die ohne Beschftigungsabbau ausgekommen sei. Die Frage sei nur, wie man ihn gestaltet. Worauf kommt es an?
Ltjen: Das ist ganz klar: Es darf keine betriebsbedingten Kndigungen geben, es muss alles sozialvertrglich geregelt werden. Darber hinaus muss die Beschftigungsmglichkeit fr die Kolleginnen und Kollegen im Konzern abgesichert werden.

Whrend der Wehretat stagniert, legt der zivile Bereich krftig zu. Airbus ist bis in das kommende Jahrzehnt ausgelastet. Ist in diesem Konzernbereich also alles in Ordnung?
Ltjen: Stimmt, der Sparte Airbus geht es sehr gut. Wir haben hier sieben Jahre Auftragsbestand, wir verkaufen gerade mehr Flugzeuge, als wir ausliefern knnen, und wir haben eine sichere Beschftigungslage. Aber auch hier ist nicht alles Gold, was glnzt: Die derzeitige Auftragslage und Auslastung erfordern enorme Anstrengungen.

Was heit das konkret?
Ltjen: Der Druck auf die Belegschaft ist derzeit enorm, Arbeitsintensitt und Arbeitsbelastung nehmen bei den Beschftigten immer weiter zu. Wir haben bei Airbus einen sehr hohen Anteil von Mehrarbeit, Samstage und Sonntage werden immer hufiger durchgearbeitet, und auch die Arbeitszeitkonten sind prall gefllt. Und natrlich wchst auch der Druck auf unsere Leiharbeitskrfte und auf unsere Zulieferbetriebe. Die Arbeitsorganisation muss also im gesamten Konzern verbessert werden.

Wie ist die Stimmung unter den Kollegen im Moment?
Ltjen: Viele sind sehr beunruhigt, weil sie nicht wissen, was passiert, was auf sie zukommt. Und die Kollegen von Astrium und Cassidian haben natrlich Sorge, dass ihr Arbeitsplatz gefhrdet sein knnte. Es ist in der Belegschaft aber zugleich auch eine Erwartungshaltung zu spren. Die Kollegen haben die Hoffnung, dass die Geschftsfhrung auf die neuen Rahmenbedingungen tragfhige Antworten findet.

Anfang November soll es einen Aktionstaggeben. Welche Forderungen stehen im Mittelpunkt?
Ltjen:Wir planen bundesweit an allen Standorten Aktionen, wobei der Adressat neben der Unternehmensfhrung auch die Politik sein wird. Von der erwarten wir ein klares Bekenntnis zu unseren Standorten. Von der Geschftsfhrung fordern wir nachhaltige Personal- und Produktkonzepte, eine Zusage fr Arbeitsplatzsicherung sowie vermehrte Anstrengungen in den Bereichen Ausbildung und Qualifikation.



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