Bezirksleiter Friedrich: "Corona-Krise darf nicht als Vorwand genutzt werden, um Strukturen anzupassen“

Befragung der IG Metall: Luft- und Raumfahrtindustrie droht durch Corona-Krise massiver Personalabbau

(18.12.2020) In der norddeutschen Luft- und Raumfahrtindustrie droht 2021 ein weiterer Abbau von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung von Betriebsräten im Auftrag der IG Metall. Bundesweit sind in den beteiligten Unternehmen etwa 10.000 Arbeitsplätze gefährdet, davon rund 6300 in Norddeutschland. 70 Prozent der Arbeitnehmervertreter im Norden erwarten bis Ende nächsten Jahres einen weiteren Rückgang an Beschäftigung.

Produktion bei Airbus: Gefragt sind Konzepte, die den Beschäftigen Sicherheit bieten. (Foto: Peter Bisping)

"Die Corona-Krise schlägt im Passagierflugzeugbau voll durch. Noch im vergangenen Jahr war die Branche ein Jobmotor, jetzt bereiten uns Airbus, Premium Aerotec und insbesondere die vielen kleineren Zulieferer große Sorgen", sagte Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, bei der Vorstellung der Befragungsergebnisse. "Gemeinsam mit Arbeitgebern und Politik müssen wir gegensteuern und Arbeitsplätze sowie Standorte sichern. Wir werden nicht hinnehmen, dass Corona – etwa bei Airbus in Bremen – als Vorwand genutzt wird, um Strukturen anzupassen. Wir erwarten, dass die Fertigung der Flügel dort im Werk bleibt."

Gefragt seien "kluge Konzepte", die den Beschäftigten in dieser für alle schwierigen Zeit Sicherheit bieten und eine Brücke in die Zukunft bauen. Friedrich forderte eine Verlängerung der in der Luftfahrtindustrie weit verbreiteten Kurzarbeit und Arbeitszeitverkürzungen mit teilweisem Lohnausgleich. "Darüber verhandeln wir derzeit mit Airbus. Auch in der Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie wollen wir dazu Lösungen mit den Arbeitgebern vereinbaren", so der IG Metall-Bezirksleiter.

Die durchschnittliche Auslastung der befragten Unternehmen ist in Norddeutschland von 100 Prozent Anfang 2020 auf jetzt 72 Prozent gesunken. Ein Großteil der Betriebe erwartet ein anhaltend niedriges Niveau oder sogar einen weiteren Auftragsrückgang. Die Betriebsräte berichten, dass Investitionen in neue Anlagen oder Hallen gestoppt oder verschoben worden sind. "In vielen Unternehmen stehen auch Forschung und Entwicklung hintenan. Damit sind Investitionen in innovative, klimaneutrale Projekte gefährdet, die für die Zukunft der Branche entscheidend sind", so Friedrich.

Kritik kommt von der IG Metall an der geplanten Reduzierung der Ausbildungsplätze. Laut der Befragung planen mehr als 40 Prozent der Betriebe im Norden, im nächsten Jahr weniger Auszubildende einzustellen. Auch die in den Tarifverträgen geregelte unbefristete Übernahme nach der Ausbildung wird von vielen Betrieben infrage gestellt. "Bei allem Verständnis für die wirtschaftliche schwierige Lage ist das ein falsches Signal", erklärte Bezirksleiter Friedrich. Die Branche sei bei jungen Menschen attraktiv und müsse weiter mit guten Arbeitsbedingungen vorangehen."

Besonders stark vom Personalabbau betroffen waren in diesem Jahr Leiharbeiter und Werkvertragsbeschäftigte. In der Produktion, aber auch im Engineering und in der Verwaltung sind viele Leiharbeiternehmer abgemeldet worden. Die Werkvertragsquote ist in Norddeutschland von 26,9 auf 5 Prozent zurückgegangen. Auch viele befristete Verträge wurden nicht verlängert.

Mehr als die Hälfte der Betriebsräte gab an, dass in ihren Unternehmen Arbeitspakete zurückgeholt werden sollen. "So musste etwa Airbus erkennen, dass die Logistik zur Kernkompetenz des Unternehmens gehört", so Friedrich. "Künftig wird diese wieder im Kern von eigenen Mitarbeitern erledigt."

Die Agentur für Struktur- und Personalentwicklung hat im Auftrag der IG Metall Betriebsräte aus 68 Betrieben mit 79.200 Beschäftigten befragt. Davon sind 24 Betriebe mit rund 31.600 Beschäftigten in Norddeutschland.

:: Ergebnispräsentation der 9. Betriebsrätebefragung der Luft- und Raumfahrtindustrie in Norddeutschland (PDF | 1286 KiB)

:: Ergebnisse der 9. airconnect Betriebsrätebefragung der Luft- und Raumfahrtindustrie bundesweit (PDF | 1605 KB)



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